Liebe Freunde und Freundinnen,
hier der Anfang des Schauerromans, an dem ich gerade arbeite und der gleich nach GÖTTERGLEICH - FELIDAE 8 erscheinen wird. Inhaltsangabe: Die tüchtige junge Floristen Belinda lernt den abgerissenen Raimund kennen, einen auf einem Friedhof lebenden geheimnisvollen Mann. Was zunächst als bizarre und schnell rasend werdende Liebe beginnt, entwickelt sich jedoch immer mehr zu einer Odyssee des Grauens, in der falsche Identitäten eine entscheidende Rolle spielen.
DAS GEHEIME LEBEN DER PFLANZEN
Roman
Akif Pirinçci
Copyright © by Akif Pirinçci und Wilhelm Heyne Verlag, München
"Das Leben verstehen kann vielleicht nur der, der selbst tot ist"
Erwin Cargaff
"Der Tod berührt uns nicht und geht uns nichts an."
Lukrez
"Go ask the youngest angel,
She will say with bated breath,
By the door of Mary's garden
Are the spirits Love and Death."
Love And Death
The Waterboys
1.
Ach, warum passiert das denn jetzt? Ach, das ist nicht wahr! Ach, wir haben zu viel getrunken …
Sie schwingt ihren Kopf so schwer wie unter Wasser zu seinen Händen am Lenkrad. Er reißt es gerade mit aller Wucht nach links herum. Sie hat kein Hindernis gesehen. Warum tut er das? Das Kreischen der Reifen ist ohrenbetäubend, und die unvermittelt hereingebrochenen Fliehkräfte zerren mit solcher Kraft an ihnen, daß sich ihre Körper bis zum Äußersten verbiegen wie Kunststoffstäbchen zwischen Fingern. Sie hätten sich anschnallen sollen.
Ach, vielleicht bin ich nur kurz eingenickt wegen des schweren Weins und träume das alles nur …
Capri ist in der Nacht fast noch liebreizender als am Tag. Von der sich durch die Hügel schlängelnden Serpentinenstraße, auf der sie sich befinden und von der aus man die ganze Insel und das kobaltblaue Wasser ringsumher überblicken kann, bietet sich ein atemberaubendes Panaroma. Yakamoz, ein Begriff aus dem Türkischen, der das Bild beschreibt, wenn der Vollmond die nächtliche Kimmung des Meeres küßt und das dunkle Wellenbett derart illuminiert, daß es wie ein verheißungsvoller Pfad ins Jenseits wirkt, scheint allein für diesen Anblick ausgedacht worden zu sein.
Mit Geräuschen, die an etwas sehr Abstoßendes und sehr Brutales erinnern, rammt der Wagen die aus groben Natursteinen zusammengesetzten, wie Zinnen strukturierten Seitenbegrenzungen, die nachgeben und aufbrechen. Dann fliegen sie.
Ach, was kann man nur dagegen tun? Es muß doch etwas geben, was man dagegen tun kann. Ach, es sind doch unsere Flitterwochen …
Der Wagen schießt über den Abhang, und sofort senkt er sich mit dem Bug in den zirka hundertfünfzig Meter tiefen Abgrund. Das Ganze hat etwas von der kitzeligen Gefühlslage bei einer Achterbahnfahrt an sich. Aber nur kurz. Dann krachen sie auf den ersten abstehenden Felsen, der das Auto irgendwie zusammenfaltet und die Windschutzscheibe in tausend Stücke explodieren läßt. Jetzt erst platzen die Airbags auf und schlingen sich um ihre Gesichter.
Er sieht nicht gut aus. Das Lenkrad, der zerrissene Airbag und sein Gesicht, nein, sein gesamter Kopf bilden jetzt irgendwie eine Einheit, sie sind sozusagen zu einer Art Lenkrad-Airbag-Kopf verschmolzen, woraus ein gewaltiger Blutschwall hervorschießt. Das kann sie mit einem Seitenblick noch sehen, bevor sie zum Seitenfenster hin geschleudert wird und mit dem Gesicht gegen die Scheibe knallt. Es tut weh, es tut so weh! Dann überschlägt sich der Wagen und stürzt weiter den Abhang hinunter.
Sie schwebt wieder, löst sich von ihrem Sitz, wird zwischen diesem, der Tür und der Decke hin- und hergeprügelt und immer wieder von harten Gegenständen getroffen, die im Innenraum umherfliegen. Vielleicht von den zwei Flaschen Wein, die der Wirt im "La Grotta" ihnen zum Abschied geschenkt hat und die sie einfach auf den Rücksitz geworfen hatten, oder von Teilen seiner Kameraausrüstung. Einige ihrer Knochen sind gebrochen, aber sie kann nicht genau bestimmen, welche. Und sie ist an einigen Stellen zerschnitten; Blutblasen kreuzen immer wieder ganz nah ihre Sicht.
Der zweite abstehende Felsen kommt, doch da der Wagen sich diesmal zufällig in der Horizontalen befindet und lediglich mit dem Heck dagegen prallt, zwingt ihm der Stoß eine schnelle Kreiselbewegung um die Längsachse auf. Nun überschlagen sie sich in einer Tour, während sie der alles verschlingenden Schwärze entgegenrasen. Aber trotz der Schleuderfolter, trotz der schlechten Lichtverhältnisse, trotz des Schocks und trotz der unsagbaren Schmerzen weiß sie, daß er tot ist. Wie in einer blitzlichtartigen Momentaufnahme kann sie erkennen, daß sich sein Kopf halb vom Hals abgetrennt hat und schief zur Seite baumelt. Die Spitze einer Stange schaut aus dem klaffenden, schier obszönen Schlitz heraus.
Sie schlagen auf. Es ist so, als würde man jede einzelne ihrer Zellen mit der Zange aus ihrem Körper reißen. Eine brüllende Stille breitet sich aus.
Ach, alles hätte so schön werden können. Ach, wir hätten glücklich sein können. Für immer …